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FRÜHSTÜCK MIT DEM SENSENMANN


Aus dem Erzählband:
Ein Vogel in der Hand der Anderen ©Jana Irde 2009


Ich habe die Leiche gefunden, nicht dieses Kind, aber mir hört ja keiner zu!
Wie jeden Mittwoch war ich auf den Friedhof meine Männer Oscar und Willi gießen. Als ich zu den Gräbern ging, saß noch niemand auf der Bank. Es war sonnig und es spazierten mehrere Personen über dem Friedhof. Auf dem Rückweg sah ich diese Frau auf der Bank sitzen. Neben ihr lag ein angebissenes Brötchen. Es standen auch eine Thermoskanne und einen Becher mit Kaffee auf der Bank. In den Händen hielt sie einen Fotoapparat, als wäre er eine Katze, mit der sie schmuste. Ich empfinde es als pietätlos, auf einem Friedhof zu frühstücken und Fotos zu machen. Ich warf ihr vor, eine schlechte Christin zu sein. Sie ignorierte mich. Ihre Augen sahen durch mich hindurch. Genau genommen sah sie nicht einmal aus sich heraus. Wie Willi damals. So eine Frechheit, sie fotografiert und isst auf dem Friedhof, da hat sie es auch verdient, da zu sterben. So eilte ich zur Polizei. Na, die sind auch nicht sonderlich helle. Die fanden eine Leiche auf dem Friedhof nicht verwunderlich. Ich musste denen erst erklären, dass eine Tote ordentlich unter die Erde gehöre und nicht auf die Parkbank!

Ich hab dir doch gestern von dieser bekloppten Alten erzählt, die über eine Leiche auf dem Friedhof klagte, dabei mit ihrer Handharke wedelte und den Boden mit Erde voll krümelte. Dann ließ sie auch noch ihre Gießkanne stehen. Stell dir vor, sie hatte Recht! Während einer Beerdigung wunderte sich eine Mutter, woher ihre Tochter ein Brötchen hatte. Das Kind wies auf eine sitzende Frau. Die Mutter ging zu der Bank und wollte sich dafür entschuldigen, dass ihre Tochter dort das Brötchen stibitzt hatte. Die Frau auf der Bank saß gemütlich in die Ecke gekuschelt, neben sich einen Apfel und Kaffee, nur leider war sie tatsächlich tot. Die Finderin kam mit einem Schreikrampf ins Krankenhaus. Die Tochter wurde ihrer Tante anvertraut, die auch auf der Beerdigung war. Es war sehr praktisch, die Familie beisammen zu haben. Die Tote wurde vorerst vom Friedhof entfernt und dann ihr Mann informiert. Der wirkte nicht sonderlich helle. Er schien mehr Wert auf ihren Fotoapparat zu legen als auf sie.

Ich erfuhr gestern von ihrem Tod. Ob ich denn nichts von ihrem Aneurysma gewusst hätte, wurde ich gefragt. Ich kannte dieses Wort nicht. Sie wollte mich sowieso verlassen, hatte einen anderen kennengelernt. Sieh dir mal dieses Foto an und sage mir, was du darauf siehst! Es ist das beeindruckteste Foto, das sie je gemacht hat. Leider ist es auch ihr letztes. Monatelang hat sie nur Stillleben im Studio produziert. Flasche mit Glas, Glas mit Flasche und immer gleich ausgeleuchtet. Manchmal lag die Flasche, manchmal lag das Glas. Ihre Fotos waren erstickend langweilig. Dabei war sie mal so gut. Dann wurde ich etwas heftig und hatte sie weggeschickt. Sie solle mal das wirkliche Leben fotografieren. Es hatte funktioniert. Sie lieferte Fotos. Es waren Bilder von am Briefkasten ausgedrückten Zigaretten, ein einsames Fahradschloss an der Laterne, ein angeknabberter Elsternflügel. Ihre Fotos erzählten wieder Geschichten. Sie wollte auf dem Friedhof weiterfotografieren. Es folgten wunderschöne Herbstlandschaften, Krähen auf Grabsteinen, Eichhörnchen, die etwas neben dem Grabstein vergruben. Sie blühte auf, ging jeden Tag auf den Friedhof, sie frühstückte dort. Schließlich wollte sie die Verwesungsstufen von Grabschmuck dokumentieren. Fotos zeigte sie kaum noch, da der Kram erst noch verwesen musste. Dann gestand sie mir, sich verliebt zu haben. Der Typ würde ihr zuhören, sich für sie interessieren, er unterbrach sie nicht. Er könne auch über Gefühle reden. Er wäre halt so ganz anders als ich. Beruflich währe er viel unterwegs und sie wolle ihm folgen. Am nächsten morgen starb sie dann. Ich befürchtete durchzudrehen, als ich dieses letzte Foto von ihr sah. Es ist das schönste und rätselhafteste was sie je produziert hat. Es ist die Bank, auf der sie starb. Normalerweise mochte sie keine Gegenlichtaufnahmen. Ihre Thermoskanne und ihre Frühstückstüte liegen schon auf der Bank. Doch wer ist der Typ, der da sitzt? Ist das ihr Traummann oder - sag, was siehst du? Trägt er einen Kaputzenumhang? Ist die Stange neben ihm, eine zur Frühstückspause abgestellte Sense? Ist er nicht viel zu dünn, um zwischen Umhang und Knochen noch Fleisch zu haben. Die fallenden Lindenblätter wirken wie ein Goldtalerregen aus dem Märchen.

Heute war ich auf dem Friedhof, betrachtete die Bank, auf der sie starb, setzte mich darauf und hoffte auf eine Lösung. Auf der Wiese der Kriegsgefallenen harkte ein schlanker Mann im Kaputzenpullover das Laub zusammen. Vielleicht haben die alten Krimis doch Recht und es war einfach nur der Gärtner.