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ZWANZIG


Aus dem Erzählband:
Ein Vogel in der Hand der Anderen ©Jana Irde 2009


Er kam pünktlich nach Hause. Gewöhnlich öffnete ihm seine Frau, doch er fand sie ungewöhnlich im Flur liegend. Sie hielt einen blutigen Wischlappen in der Hand. Aus ihrem Mund floss Blut, das sie mit dunklen Klumpen auf dem Boden umrahmte. Ihr Rock war hochgerutscht und ihre Knie waren zu sehen, sonst achtete sie sehr auf bedeckte Knie. Er beugte sich zu ihr herab, bemüht, sich nicht zu beschmutzen. "Zwanzig", hauchte sie ihm entgegen.

Sie wohnten in der Hausnummer zwanzig, was er oft verwechselte. Diese Information war natürlich wichtig für den Notarzt. Oder war die Notarztnummer zwanzig? Der Mann wollte die Feuerwehr anrufen. Es meldete sich jedoch die Polizei am Telefon, die ihn zügig an die Feuerwehr weiterleitete.

Die Feuerwehr kam erstaunlich schnell. Der Mann dachte, dass die bestimmt gerade in der Nähe waren. Die Feuerwehrmänner sprachen von Ösophagusvarizenblutung. Der Mann hielt es für eine Art Hämorrhoiden, die er allerdings woanders vermutet hätte. Die jungen Männer hatten es sehr eilig und trugen die Frau fort, sie sagten auch, wohin sie seine Frau fuhren. Trotz ihrer Eile hatten sie nach Ausweis und Versicherungskarte gefragt. Der Mann fand einen Brillenpass, er wunderte sich darüber, dass sich heute selbst die Brillen ausweisen müssen.

Nach dieser Unruhe blieb eine Blutlache zurück. Am liebsten hätte er die Männer gebeten, dieses Blut auch mit zu nehmen. Genau genommen gehörte es zur Frau und vielleicht kann man es noch gebrauchen. Frauen kennen sich besser mit Blut aus, dachte er, soll sich seine Frau um den Fleck kümmern, wenn sie wieder da ist. Schließlich hat sie ihn auch verursacht. Der Abtransport von Waschmaschinen oder Kühlschränken erschien ihm besser organisiert. Besonders weil damit eine Neuanschaffung verbunden war.

Er ging in die Küche und dachte: als sein Wagen in der Werkstatt war, stand ihm ein Leihwagen zur Verfügung. An wen wendet man sich bei dem Ausfall einer Gattin?

Sein Essen stand in der Mikrowelle. Der Kaffee war noch nicht fertig. Dabei wusste seine Frau doch, dass er zuerst den Kaffe wünschte und dann das Essen. Die Kaffeemaschine war vorbereitet, er musste nur noch auf den Knopf drücken. Das Frühstücksgeschirr war noch nicht abgespült. Dabei wusste seine Frau doch, wie sehr er es hasste, neben verschmutztem Geschirr seinen Kaffee zu trinken. Er betrachtete die Mikrowelle genauer. War da nicht einmal ein Drehknopfgewesen? Er aß seine Nudeln kalt. Dann sah er fern, wie jeden Abend. Unter seiner Bettdecke war kein Schlafanzug. Dabei wusste seine Frau doch, wie wichtig ihm ein frischer Schlafanzug unter der Bettdecke war. Sie hatte es während ihrer Schwangerschaft schon einmal vergessen. Er nahm sich einen Schlafanzug aus dem Schrank und ging ins Bett. Er konnte nicht einschlafen. "Zwanzig" hatte sie gesagt. Warum nur? Hätte sie sich nicht etwas deutlicher ausdrücken können? Zwanzig was? War da noch eine Rechnung bis zum zwanzigsten? Doch heute war der fünfte. Betrug die Rechnung zwanzig Euro? Doch was kostete heutzutage noch zwanzig Euro? Es klingelte an der Tür. Wer konnte das noch sein?

Es war seine Tochter. "Du weist doch, dass ich um neun ins Bett gehe", sagte er zur Begrüßung. "Hast du ein Bier?", fragte sie, eilte in die Küche und zog sich ein Bier aus dem Kasten. Seine Tochter trank nie Alkohol. Sie öffnete die Flasche mit einem Feuerzeug. Er hatte nicht gewusst, dass sie das konnte. Sie trank die halbe Flasche aus und starrte gegen die Küchenwand, dann setzte sie die Flasche erneut an, trank sie leer und stellte sie auf den Kühlschrank. Sie nahm sich eine zweite Flasche aus dem Kasten. "Wo warst du?", fragte sie bebend gegen die Wand. "Hier, wo sonst? Welch dumme Frage! Die Flasche gehört übrigens in den Kasten zurück.", antwortete er belehrend. "Ins Krankenhaus gehörtest du!", bellte sie heraus. "Kleines, ich bin Techniker, kein Arzt, was soll ich denn im Krankenhaus?" Sie nickte hart und lachte trocken. Als sie noch ein Kind war, folgte dieser Bewegung meistens ein Wutausbruch, doch sie öffnete die zweite Flasche. Sie sah auf den Abwasch und meinte: "Du hattest bestimmt viel zu tun." Er nickte und bemerkte: "Als letztes hatte deine Mutter zwanzig zu mir gesagt und ich versuche es zu erklären."

Dann platzte es doch aus ihr heraus: "Verdammt, sie hat nicht zwanzig gesagt, sondern: Umarm mich."